Meniskusriss: Warum eine OP oft nicht nötig ist
„Im MRT ist ein Meniskusriss zu sehen“ – für viele klingt das nach einem klaren Fall für die Arthroskopie. Die Teilentfernung des Meniskus gehörte jahrzehntelang zu den häufigsten orthopädischen Eingriffen überhaupt. Doch gerade für die häufigste Form des Meniskusrisses hat die Forschung diese Selbstverständlichkeit gründlich erschüttert.
Zwei Arten von Riss – ein entscheidender Unterschied
Zunächst die wichtige Unterscheidung: Es gibt traumatische Risse – etwa beim jungen Sportler nach einem Verdrehtrauma – und degenerative Risse, die mit den Jahren durch Gewebeveränderung entstehen, oft ohne erinnerliches Ereignis. Degenerative Risse sind ab dem mittleren Lebensalter außerordentlich häufig – und finden sich in MRT-Untersuchungen regelmäßig auch bei Menschen ohne jede Kniebeschwerde. Ein Riss im Bild beweist also nicht, dass der Riss die Schmerzen verursacht.
Die folgenden Studienergebnisse beziehen sich auf degenerative Risse; frische traumatische Verletzungen, insbesondere mit eingeklemmtem Gelenk, sind eine andere Situation.
Die FIDELITY-Studie: OP gegen Schein-OP
Finnische Forschende gingen der Frage mit dem strengsten verfügbaren Studiendesign nach: 146 Patienten zwischen 35 und 65 Jahren mit degenerativem Innenmeniskusriss (ohne Arthrose) erhielten per Zufall entweder eine echte arthroskopische Teilentfernung des Meniskus – oder eine Schein-Operation, bei der zwar arthroskopiert, aber nichts entfernt wurde. Weder Patienten noch Nachuntersucher wussten, wer was erhalten hatte.
Das Ergebnis nach zwölf Monaten, veröffentlicht im New England Journal of Medicine: kein bedeutsamer Unterschied zwischen echter OP und Schein-OP – weder bei Schmerzen noch bei der Kniefunktion. Beiden Gruppen ging es deutlich besser als vorher; der operative Kern des Eingriffs war dafür offenbar nicht verantwortlich.
„Aber mein Knie blockiert doch“ – auch das wurde untersucht
Ein häufiges Argument für die OP sind mechanische Symptome: das Gefühl, dass das Knie hakt oder blockiert. Die Annahme: Das gerissene Meniskusstück klemmt, also muss es raus. Die Folgeauswertung derselben Studie prüfte genau das – mit ernüchterndem Ergebnis: Die Entfernung des gerissenen Gewebes linderte Haken und gelegentliches Blockieren nicht besser als die Schein-Operation. Die Autoren folgern, dass diese Symptome bei degenerativen Rissen offenbar häufig gar nicht vom Riss selbst stammen – und als OP-Begründung mit Vorsicht zu genießen sind.
Was stattdessen? Das Knie stark machen
Wenn der Riss oft nicht der Schmerztreiber ist, rückt das ins Zentrum, was sich nachweislich beeinflussen lässt: die Funktion. Kraft der Oberschenkel- und Hüftmuskulatur, Beweglichkeit, Belastungssteuerung. Der Weg in meiner Praxis:
- Befundung: Was reproduziert die Beschwerden – und wie steht es um Kraft und Beweglichkeit im Seitenvergleich?
- Einstieg: Schmerzberuhigung und dosierte Belastung, bei Bedarf unterstützt durch manuelle Therapie
- Aufbau: progressives Kraft- und Funktionstraining für das gesamte Bein – messbar dokumentiert
- Rückkehr: schrittweise zurück zu Alltag, Beruf und Sport, mit klaren Kriterien statt Bauchgefühl
Eine Operation bleibt eine Option für spezifische Situationen – etwa bestimmte traumatische Risse oder ein tatsächlich eingeklemmtes Gelenk. Diese Entscheidung gehört in das ärztliche Gespräch. Für den häufigen degenerativen Riss aber gilt: Der aktive Weg ist durch Placebo-kontrollierte Evidenz gedeckt – die OP ist es in dieser Situation nicht.
Meniskus-Diagnose bekommen?
Bevor Sie operative Schritte gehen: Eine strukturierte konservative Behandlung ist bei degenerativen Meniskusveränderungen der evidenzbasierte erste Weg. Hüfte und Knie sind einer der sechs Schwerpunkte meiner neuen Praxis in Heinsberg (Eröffnung Februar 2027). Tragen Sie sich jetzt unverbindlich auf die Warteliste ein – wer auf der Liste steht, wird bei der Terminvergabe zuerst kontaktiert.
Kontakt: mail@physiotherapieprinz.de · 02452 9269262
Quellen
Studien recherchiert und verifiziert über PubMed:
- Sihvonen R et al. (2013): Arthroscopic partial meniscectomy versus sham surgery for a degenerative meniscal tear. New England Journal of Medicine, 369(26), 2515–2524. DOI: 10.1056/NEJMoa1305189
- Sihvonen R et al. (2016): Mechanical Symptoms and Arthroscopic Partial Meniscectomy in Patients With Degenerative Meniscus Tear: A Secondary Analysis of a Randomized Trial. Annals of Internal Medicine, 164(7), 449–455. DOI: 10.7326/M15-0899
Stefan Prinz, Physiotherapeut – Physiotherapie Prinz, Valkenburger Straße 7, 52525 Heinsberg